~ Ausgewortet. ~


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~Ein Weihnachtsmärchen~


Wenn sich draußen leise und vorsichtig eine Schneeflocke auf die andere türmt, wenn in allen Häusern ein, sich unter kitschigem Glitzerzeug biegender, Tannenbaum steht, wenn der anhängliche Weihnachtsräucherstäbchengeruch sich auch im letzten Zipfel der Kleidung festgesetzt hat und von dort das nächste halbe Jahr nicht zu verschwinden gedenken täte, gäbe es nicht so etwas wie Waschmaschinen, wenn alle Leute denen man begegnet, ein so glückseliges Lächeln aufgesetzt haben, als wären sie betrunken und ich mir die Zeit nehme, sinnlose Weihnachtsgeschichten zur allgemeinen Belustigung zu schreiben, dann ist es tatsächlich Weihnachten!

Von einem ganz normalen Weihnachtsfest des Jahres 2006, in einer ganz normalen Familie will ich euch nun hier berichten. Draußen schneite es, drinnen im Wohnzimmer stand bereits der, sich unter allem erdenklichen, kitschigen Glitzerzeugs biegende, Tannenbaum und aus allen Ecken und Kanten roch es nach Räucherstäbchen, mit dem höchst kreativen Namen "Weihnachtstraum". Unter der halbtoten Tanne stapelten sich bereits viele verschiedene Päckchen jeder Größe und zwischen all dem saß, mit dem weihnachtlich doofen Grinsen auf den Lippen, die vierköpfige Familie.
Gerade zerfetzte Jonas, der Ältere der beiden vier und ein halb jährigen Söhne, ein großes, liebevoll in Geschenkpapier eingepacktes und mit Klebefilm umwickeltes Paket und begann hektisch an dem bunten, zum Vorschein kommenden Pappkarton herumzufingern, während der Jüngere, ein blondlockiges, aufgewecktes Kind, namens Simon, vergnügt quietschend über den Teppich krabbelte, als plötzlich ein entsetzter Schrei den weihnachtlichen Frieden zerbrach.
"Das ist das Falsche! Ich wollte doch das Feuerwehrauto mit der Sirene!"
Und schon flossen erste Tränchen und den Eltern blieb nur noch ihr ratloser Blick, den sie sich gegenseitig, schwer wie Medizinbälle, zuwarfen, bevor sie gleichzeitig damit begannen, mit beschwörenden Worten auf das schluchzende Kind einzureden, für das die Welt zerbrochen zu sein schien.
Währenddessen und ohne die wachsamen Augen seiner Eltern, konnte Simon nun endlich tun, was er schon die ganze Zeit hatte tun wollen: Mit seinen rosa Patschhändchen nach den, seinen Blick benebelnden, Glitzerkugeln der Tanne grabschen. Und kaum hatte er ein Zweiglein des pieksigen Gewächses zu fassen bekommen, da zog er es auch schon zu sich heran, um es genauer betrachten zu können, ohne sich daran zu stören, dass sich der unglückselige Baum immer mehr unter seiner, doch schon recht enormen Kraft bog. Unter begeisterten Lauten zog der Säugling nun immer mehr an den Ästen der Tanne, während die Eltern immer noch damit beschäftigt waren, ihren Ältesten zu beruhigen. Doch auch die interessanteste Baumkugel wird irgendwann einmal uninteressant und so gab Simon, nach einem letzten vergnügten Laut, den Zweig wieder frei, der auch sogleich seine ursprüngliche Haltung einnahm, natürlich nicht, ohne vorher einige Male bedrohlich hin und her zu schwanken und dabei die echten Kerzen, die dem Baum eine gewisse Gemütlichkeit gegeben hatten, durcheinander zu wirbeln.
Durch die Geräusche der wackelnden Tanne abgelenkt, hörten die Eltern auf, ihr Kind zu beschwören, das Feuerwehrauto sei doch ohne Sirene viel besser für ihren Hausfrieden und drehten sich nach ihrem Jüngsten um. Ein entsetztes Kreischen war alles, was der stolzen Mutter noch blieb, bevor der Baum in Flammen aufging.
Baby Simon betrachtete das Geschehen erstaunt und klatschte, vergnügt über das schöne Licht, in die Hände. Erst der Schrei seiner Mutter veranlasste ihn dazu, sie anzugucken.
"Simon!"
Der Vater sprang auf und griff nach seinem Sohn, um ihn von den Flammen fernzuhalten, doch es war schon zu spät. Die einst so schöne Haarpracht des Knaben war einigen verkohlten Haarstummeln gewichen und das brüllende Kind strampelte auf dem Arm des verzweifelt blickenden Mannes.
In der Zwischenzeit hatte auch die Mutter ihren ersten Schock überwunden und einen Eimer Wasser geholt. Schnell wurde auch noch der zweite Sohn von den Flammen weggezerrt, der sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen hatte, um sein neues Feuerwehrauto zu testen und der Brand wurde gelöscht.
Immer noch leicht geschockt, aber dennoch erleichtert, dass das Feuer sich nicht noch auf die einhundertfünfundvierzigteilige Weihnachtskrippe ausgebreitet hatte, setzte man sich wieder zu Boden und beschloss, einfach weiterzufeiern, obgleich die restlichen Geschenke angebrannt waren und das ganze Haus nach verbranntem Weihnachtsbaum stank.
Dummerweise gab es nun allerdings auch etwas anderes, das verbrannt roch, jedoch merkte dies niemand, da schließlich alles nach einem Mischmasch aus Räucherstäbchen und Verbranntem duftete.
Erst als es einen Knall gab, der das alte Fachwerkeinfamilienhaus bedenklich schwanken und Simon in Tränen ausbrechen ließ, bemerkte die Familie, das da doch etwas nicht stimmen konnte. Und so ging man, dem Geräusch folgend, gemeinschaftlich in die Küche, wo der festliche Nudelauflauf im Ofen stand. Doch als sie die Küchentür öffneten, schlug ihnen eine stinkende, blaue Rauchwolke entgegen und hüllte sie ein. Erst als sich der Rauch gleichmäßig auf den Rest der Wohnung verteilt hatte, konnten sie sehen was geschehen war.
Die einst so liebevoll zubereitete Speise war inzwischen zu einem schwarzen, verkohlten Häuflein zusammengeschmolzen und die Auflaufform unter der großen Hitze zersprungen. Um den Ofen stand es auch nicht besser, denn irgendwie hatte es das ehemalige Weihnachtsfestessen geschafft, ihn zum Explodieren zu bringen und nun lag die rußgeschwärzte Ofenklappe mitten in der Küche und hatte einen Brandfleck auf dem teuren Parkett hinterlassen.
Gerade noch rechtzeitig konnte der Familienvater seine Frau vor einem Schädelbasisbruch bewahren, indem er die in Ohnmacht Fallende elegant auffing, bevor sie mit dem Kopf auf den Boden schlagen konnte. Er hielt sie einige Minuten in den Armen, sah ein paar Mal ratlos vom Ofen zur Bewusstlosen und wieder zurück, dann beschloss er, dass der Ofen wichtiger war, legte seine Frau vorsichtig zu Boden, wo auch die beiden Kinder kauerten und mit großen Augen das bunte Spektakel in der Küche bewunderten und sprintete zum Ofen, um ihn aus zu stellen. Die Knöpfe jedoch waren inzwischen um einiges heißer geworden, als sie es normalerweise sind und so zuckte die Hand des heldenhaften Mannes auch schon wieder zurück, kaum hatte sie das teuflische Backinstrument berührt. Unter schmerzverzerrtem Gesicht hinkte er zum Waschbecken, um sein geschändetes Körperteil mit frischem Wasser zu kühlen. Hektisch drehte er den Hahn auf und hatte selbigen aufgrund seiner zu schnellen und kräftigen Drehbewegungen ziemlich bald lose in der Hand. Verzweifelt wandte er sich zuerst an seinen Ältesten und schrie ihm zu, er solle mit Simon bei Mami bleiben, dann nahm er ein ehemals weißes, doch nun rußgeschwärztes Trockentuch, tränkte es mit Wasser und stellte dann den Ofen mit Hilfe dieses improvisierten Handschuhs aus, während das Wasser ungehindert erst das Spülbecken füllte und dann langsam, aber sicher sich auf den Küchenboden ergoss, da der Abfluss schon lange verstopft war und es nicht vernünftig abfließen konnte.
Bald schon erreichte das kühle Nass die Dame des Hauses und weckte sie unsanft aus ihrem tiefen Schlaf. Kreischend riss sie ihre Kinder vom Fußboden hoch, als würden sie in dem mittlerweile einen Zentimeter hoch stehenden Wasser zu ertrinken drohen und sah ihren Mann vorwurfsvoll an, da ihr, wie es schien, nichts Besseres einfiel. Jener hatte nun das nasse Küchentuch um seine verletzte Hand gewickelt und fingerte nach dem Telefon, das an der Wand der Küche angebracht war. Als er es in der heilen Hand hielt, guckte er erstaunt darauf und schien zu überlegen, wie er eine Nummer wählen sollte, mit nur einer Hand, denn die andere war schließlich dick eingepackt und wen es überhaupt anzurufen galt. Nach kurzem Überlegen und einem letzten Blick auf das immer noch sprudelnde Wasser, entschied er sich für einen Klempner. Erst als er schon begann, die Nummer zu tippen, fiel ihm ein, dass er gar keinen Klempner kannte und erst recht nicht die Telefonnummer eines solchen und so beeilte er sich, ein Telefonbuch zu holen.
Nachdem er selbiges herangebracht hatte, rief er auch endlich beim Erstbesten an, um vom Anrufbeantworter empfangen zu werden:
"Guten Tag, Sie sind verbunden mit dem Anrufbeantworter der Firma Meier und Co. Wir wünschen Ihnen frohe Weihnachten und sind nach den Feiertagen wieder für Sie da. Bitte hinterlassen sie ihre Nachri-"
Verärgert schnitt er dem stets freundlichen Anrufsbeantworter das Wort ab, indem er auflegte. Beim dritten Versuch jedoch, hatte er Glück und nachdem er schnell sein Anliegen geschildert hatte, wurde ihm gesagt, dass gleich morgen jemand vorbeikommen würde, um sich das Problem einmal anzusehen. Vorher ginge jedoch nicht, da sie leider komplett ausgebucht wären. Nach einem zerknirschten "Auf Wiederhörn" knallte der Vater den Hörer an die Wand und schlug damit das Telefon kaputt. Wütend ließ er die Trümmer des Kommunikationsgerätes einfach auf den Boden fallen und eilte dann zu seiner, an den Türrahmen gelehnten und sich Luft zufächelnden Frau.
Nach einer kurzen Absprache half er ihr auf die Beine, nahm die beiden Kinder auf den Arm und ging gemeinsam mit ihnen zurück ins Wohnzimmer, wo immer noch die kümmerlichen Reste des ehemals stattlichen Weihnachtsbaumes vor sich hin rauchten. Hungrig und zum Teil durchnässt setzten sie sich auf das Sofa und beschlossen einfach, bei einer Tüte Chips den Weihnachtsfilm zu genießen, der gerade beginnen sollte. Doch kaum hatten sie den richtigen Kanal gefunden, gingen neben dem Fernseher auch noch sämtliche Lichter im Haus aus und hinterließen die Familie in einer eigenartigen, dunklen Stille.
"Die Sicherung wird rausgeflogen sein. Ich geh mal gucken." Und so machte sich der mutige Vater mit einer Taschenlampe bewaffnet auf den Weg in den Keller. Was er dort vorfand, war jedoch nicht eine rausgeflogenen Sicherung sondern ein ganzes Rudel Ratten, die sich mit einem Heißhunger auf das Hauptkabel der Wohnung gestürzt und dieses zerfressen hatten. Missmutig stiefelte er also wieder hinauf zu den anderen und erzählte ihnen von ihrer bisher unentdeckten Rattenplage. So beschloss man schließlich, nach einigen Überlegungen, trotz des Brandrisikos, einige Kerzen anzuzünden und es sich mit ein bisschen Knabberzeugs gemütlich zu machen, da nichts anderes mehr im Haus war.
So saßen also nach kurzer Zeit die vier eng aneinander gerückt auf dem Sofa und mampften Kekse und Chips. Und während das Wasser immer näher an das teure Ledersofa herankroch und sich der verbrannte Geruch langsam legte wünschte man sich eine frohe Weihnacht mit dem typischen weihnachtlich, doofen Grinsen auf den Lippen.

 

 

Wenn sich jetzt tatsächlich jemand die Zeit genommen und die Geschichte gelesen hat, dann schreibt mir doch bitte eben nen kommentar, wie ihr sie findet =)

Gruß

Die Wörterin

24.12.06 12:55
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


drakho (29.12.06 19:03)
Ich fand die Geschichte gut. Aber die Ratten waren zuviel das Guten. Bis dahin habe ich sie noch für möglich gehalten. Nur das weihnachtlich-doofe Grinsen am Ende kommt etwas unmotiviert dinde ich. Aber auf jeden Fall gut geschrieben.

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